Wenn Zukunft Angst macht: Was belastet Kinder und Jugendliche heute wirklich?

Veröffentlicht am

Autorin

Naomi Hilger

Naomi Hilger

B. Sc. Psychologie & B. Music

Depressed Teenager

"Ich will die nächsten drei Wochen einfach nur am Leben bleiben, bis meine Therapeutin aus dem Urlaub zurück ist."

Die Schülerin, die in unserem Workshop saß, zögerte, die Frage zu beantworten. Welches Ziel sollte sie sich setzen? - “Die nächsten drei Wochen am Leben bleiben, bis meine Therapeutin aus ihrem Urlaub zurück ist.”
Diese Antwort traf uns völlig unerwartet. Wie sollten wir das auffangen, damit sich das Mädchen gut aufgehoben fühlt und mit mehr Hoffnung aus dem Workshop geht?

Auch lange nach dem Workshop beschäftigte uns diese Situation noch. Denn sie passte leider zu anderen Beobachtungen, die uns in den letzten Monaten immer häufiger begegneten: Wie hoffnungslos einige junge Menschen in die Zukunft blicken. Wie sie daran zweifeln, ob ihre Mühen von heute sich morgen überhaupt lohnen würden. Ob das Leben positive Überraschungen für sie bereithält.

Das Mädchen ist kein Einzelfall. Was sich in einzelnen Begegnungen zeigt, wird auch in vielen anderen Kontexten sichtbar. Über jungen Menschen liegen die Schatten psychischer Belastung, Zukunftsängste und multipler Krisen, die mittlerweile Teil ihres Alltags sind.
Das Thema ist groß, überfordernd und belastend. Der Blick auf die aktuelle Forschung, die die Zusammenhänge zwischen innerem Erleben und äußeren Faktoren näher beleuchtet, kann uns zu mehr Klarheit und Entlastung verhelfen.

Die Lage ist komplex – denn junge Menschen leben heute in einem Multikrisenkontext. Sie sind nicht nur vielen gesellschaftlichen Herausforderungen ausgesetzt, sondern auch den Belastungen in ihrem persönlichen Umfeld. Es geht dabei selten um einen einzelnen Faktor. Lebensumstände, familiäre, soziale und persönliche Ressourcen wirken zusammen und beeinflussen das Risiko einer Person, psychisch belastet zu sein.

Die psychische Gesundheit junger Menschen hat sich während der Pandemie deutlich verschlechtert. Doch viele von ihnen zeigten in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Resilienz und konnten sich mittlerweile wieder von den damaligen Belastungen erholen. Gleichzeitig nahmen jedoch krisenbezogene Sorgen und Zukunftsängste bei vielen Kindern und Jugendlichen zu.

Die COPSY-Studie macht diese Entwicklungen über einen langen Zeitraum sichtbar. Diese repräsentative, deutschlandweite Befragung begleitet über 3000 Familien mit jungen Menschen im Alter von sieben bis 23 Jahren bereits seit über fünf Jahren. Die Ergebnisse geben wertvolle Einblicke in langfristige Entwicklungen der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Dabei spiegeln sie genau das wider, was viele im Alltag beobachten.

Nach dem starken Anstieg psychischer Belastungen zu Beginn der Pandemie zeigte sich bei vielen Kindern und Jugendlichen zunächst eine deutliche Entspannung. Eine weitere Verbesserung trat jedoch seit Ende 2023 nicht mehr ein – die Belastungen bleiben seitdem auf einem erhöhten Niveau im Vergleich zu präpandemischen Daten. Dabei berichtet heute rund jedes fünfte Kind von einer geringeren Lebensqualität und Einsamkeit. Ein Viertel der jungen Menschen sind von Angstsymptomen betroffen (s. Abb. 1).


COPSY Ergebnisse Wohlbefinden

Abb. 1: Langzeittrends im Anteil der Kinder und Jugendlichen mit geringerer Lebensqualität, psychischen Auffälligkeiten, Einsamkeit, Angstsymptomen und depressiven Symptomen. Ergebnisse stammen aus der BELLA-Studie (2014-2017) und der COPSY-Studie (2020-2025).[1]


Gleichzeitig nahmen Sorgen in Bezug auf gesellschaftliche Krisen und Zukunftsängste zu. Am häufigsten sorgen sich die Befragten um Terrorismus und Kriege, doch auch Sorgen um die wirtschaftliche Lage, Migration und soziale Spaltung sind weit verbreitet. Über die Hälfte der Befragten fürchtet zudem, dass die Krisen anhalten werden und sich ihre Lebensbedingungen verschlechtern könnten, auch hinsichtlich der finanziellen Lage ihrer Familien (s. Abb. 2).


COPSY Ergebnisse Sorgen

Abb. 2: Anteil der Kinder und Jugendlichen, die angeben, moderat bis sehr besorgt über aktuelle Krisen zu sein. Ergebnisse aus der COPSY-Studie (2022-2025).[1]


Zugleich wird deutlich, dass nicht alle Kinder und Jugendlichen im gleichen Maße betroffen sind. Personale, soziale und familiäre Ressourcen fungieren dabei wie ein Schutzschirm vor psychischer Belastung. Junge Menschen dagegen, die unter sozialer Benachteiligung leben oder deren Eltern selbst psychisch erkrankt sind, haben ein etwa doppelt so hohes Risiko, von geringerer Lebensqualität und psychischer Symptomatik betroffen zu sein. Rund 17 Prozent gehören dieser vulnerablen Gruppe an.[2]

Doch psychische Gesundheit lässt sich stärken, insbesondere durch die Förderung von bestimmten Ressourcen. Wichtige soziale und personale Ressourcen sind dabei die Gestaltung stabiler Beziehungen, ein unterstützendes Umfeld, das Fehler erlaubt und Wachstum fördert, und sozio-emotionale Kompetenzen, die einen wirksameren Umgang mit sich selbst und mit anderen ermöglichen.

Kinder und Jugendliche bringen ihre „Päckchen“ voller Sorgen und Ängste mit in die Schule, selbst wenn sie nicht darüber sprechen. Sie äußern sich in ihrer Motivation, in ihren Leistungen und in ihrem Umgang miteinander. Je größer diese Päckchen sind, desto schwieriger kann es werden, wenn sie aufeinanderprallen. Das wird auch im Unterricht spürbar und zu einer zusätzlichen Belastung für Lehrkräfte. An den meisten Schulen gibt es aktuell nicht die notwendigen Mittel, um all diese Probleme auffangen und lösen zu können. Trotzdem kann sie ein geeigneter Ort sein, an dem junge Menschen Sicherheit und Unterstützung erleben und den Umgang miteinander lernen können.

Die Ergebnisse der COPSY-Studie machen deutlich: Die Belastungen vieler Kinder und Jugendlicher sind kein Zeichen mangelnder Motivation, fehlender Anstrengungen oder individuellen Versagens. In einem Multikrisenkontext, in dem Ressourcen ungleich verteilt sind, gibt es weder einfache Erklärungen noch einfache Lösungen. Doch es gibt bereits kleine Dinge, die einen Unterschied machen. Wir alle sehnen uns nach Verbindung, Zugehörigkeit und Sicherheit. Wenn Kinder und Jugendliche geschützte Räume haben, kann sich ihr psychisches Wohlbefinden nachhaltig verbessern.

Quellen

[1] Kaman, Anne & Devine, Janine & Erhart, Michael & Napp, Ann-Kathrin & Reiss, Franziska & Freitag, Prof & Ravens-Sieberer, Ulrike. (2025). Current Global Crises and Youth Mental Health in Germany: The Role of Media Use, Coping and Resources. DOI:10.21203/rs.3.rs-8260872/v1.
[2] Kaman, A., Erhart, M., Devine, J. et al. Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Zeiten globaler Krisen: Ergebnisse der COPSY-Längsschnittstudie von 2020 bis 2024. Bundesgesundheitsblatt 68, 670–680 (2025). https://doi.org/10.1007/s00103-025-04045-1